Pressemitteilung 13.03.2013

Die Denkmälergruppe der kastenförmigen Eingeweidebehältnisse, auch als Kanopenkästen bekannt, ist im Vergleich zu Särgen und Sarkophagen aus dem Alten Ägypten relativ unerschlossen. Das liegt nicht nur an der geringen Anzahl entsprechender Funde, sondern vor allem auch an deren ungenügender Dokumentierung. Das Ägyptische Museum der Universität Bonn ist eines der wenigen deutschen Museen, die einen solchen Kasten besitzen. Jetzt legte das Bonner Museum im Rahmen einer Forschungsarbeit eine umfassende Untersuchung darüber vor, die wegweisend für die Herangehensweise an ein solches Objekt sein könnte.

Uta Siffert M.A., die Germanistik, Archäologie und Ägyptologie an der Universität Bonn studierte, den Kasten im Rahmen ihrer Masterarbeit untersuchte und die Ergebnisse ihrer Arbeit jetzt im Rahmen eines Vortrages im Ägyptischen Museum Bonn vorstellte, beschreibt diese Herangehensweise selbst mit der Annäherung an und mit der Interpretation eines Gedichtes. So wie Gedichte aus Strophen und Versen bestehen, setzt sich auch der Kasten, so die Bonner Wissenschaftlerin, aus verschiedenen Seiten zusammen, deren Einzelkomponenten, also Worte und Sätze beziehungsweise Darstellungen und Szenen, innerhalb dieses Bezugsrahmens in sich geschlossen verständlich sind. Doch erst im Zusammenhang mit den anderen Strophen beziehungsweise Seiten erschließt sich ihre wirkliche Bedeutung, der man sich wiederum nur in einem fortschreitenden Verstehensprozess nähern kann. Dabei gibt sowohl die Form des Gedichtes (Versmaß, Reimschema, Strophenbau) als auch die Form des Kastens den Interpretationsrahmen vor.

Die Form ist in diesem Fall ein schreinförmiger Eingeweidekasten aus Holz, überzogen mit Stuck und ausgemalt mit Pigmentfarben (schwarz, dunkelgrün, hellgrün, rot, hellblau und ocker), der in die Ptolemäerzeit um 300 v. Chr. datiert werden kann. Der an einigen Stellen restaurierte Kasten, dessen originale Standfläche fehlt und dessen Deckel ebenfalls modern ergänzt wurde, diente einst der direkten Aufbewahrung der in Leinen gewickelten mumifizierten Organe. Das unterscheidet ihn von den bis dahin üblichen eigentlichen Kanopenkästen, bei denen die mumifizierten Eingeweide in vier einzelnen Gefäßen, sogenannten Kanopen, bewahrt und dann gemeinsam in dem umgebenden Kasten deponiert wurden.

Der Bonner Kasten hat die Form eines sich nach oben verschlankenden Hochrechteckes und erinnert dabei an die Naoi, also die wie Kapellen ausgearbeiteten Kultbildschreine in den Tempeln. Er könnte deshalb insbesondere in Verbindung mit seiner Funktion als Aufbewahrungsort für seinen „vergöttlichten Inhalt“ quasi auch als Miniaturtempel betrachtet werden. In seiner aufwendigen Gestaltung drückte sich der Wunsch aus, im Jenseits ein neues Leben zu führen. Als Garant für die erhoffte Fortexistenz ließe auch er sich, bezogen auf seinen zu schützenden Inhalt, ähnlich wie die ägyptischen Särge/Sarkophage als „Haus für die Ewigkeit“ beschreiben.

Im Zusammenspiel von Form, bildlichen Darstellungen und Inschriften ermöglicht dieser Kasten einen ungeahnten Blick auf den altägyptischen Jenseitsglauben, der durch die Gewißheit des Lebens nach dem Tod bestimmt wird. Dabei wird durch die besondere Herangehensweise der Bonner Wissenschaftlerin an dieses Projekt geradezu ein gesamter Kosmos an Erkenntnissen erschlossen.

Die Szenen auf den vier Kastenflächen stellen die Riten um die Wiederbelebung des Osiris dar. Diese im Handlungsablauf vorgegebenen Zeremonien sind für den Verstorbenen aufgrund seiner Identifizierung mit diesem Gott die unabdingbare Voraussetzung für eine lebendige jenseitige Existenz. Gleichzeitig schließt sich der Tote dem zyklischen Sonnenlauf an, dessen Phase der Erneuerung in einem ewigen Kreislauf in der Unterwelt stattfindet, die durch die rote Färbung des Bildhintergrundes ausgewiesen wird.

Auf der Oberfläche aller vier Seiten finden sich durchgehend Dekorationen und Inschriften. Auf der Vorderseite sind ebenso wie auf den anderen drei Seiten jeweils übereinander zwei Bildfelder angebracht: Während das untere durch eine Prunkscheintürfassade dominiert wird, die kein Detail auslässt, zeigt das obere den Verstorbenen vor Osiris und einer Göttin. In dieser Szene geht er, nach links gerichtet und in Schrittstellung, auf die beiden Gottheiten zu. Dabei lässt er seinen vorderen Arm locker von der Schulter herabhängen, während er den hinteren auf Kopfhöhe zum Gruß erhebt und gleichzeitig mit der Handinnenfläche in Richtung der beiden Götter zeigt.

Beide Götter sind nach rechts gerichtet und wenden sich dem Verstorbenen zu. In Seitensicht und als Mumie dargestellt sitzt in der Mitte Osiris auf einem ockerfarbenen Thron. Auf seinem Kopf sitzt eine sehr große Atefkrone, die aus der weißen oberägyptischen Krone und zwei ockerfarbenen Straußenfedern besteht. Die Göttin ist mit einem ockerfarbenen Kuhgehörn und einer gleichfarbigen Sonnenscheibe bekrönt. An ihrer Stirn befindet sich eine Uräusschlange.

Auf der linken Seite zeigt das obere Bildfeld den Verstorbenen vor den vier Horussöhnen. Oberhalb ihrer Köpfe befinden sich insgesamt fünf kurze Kolumnen. Eine davon verrät schließlich auch den Namen des Verstorbenen: Her-ib-Djehuti, Sohn des Pa-di-Usir. Alle vier Horussöhne sind ebenfalls mumiengestaltig und erscheinen in den Rollen von Amset, Hapi, Duamutef und Kebehsenuef: also menschenförmig, mit Affenkopf oder mit Schakals- und Falkenkopf.

Das untere Bildfeld dieser Seite dekorieren zwei übereinanderliegende Reihen von Tit-Amuletten und Djed-Pfeilern. Die Tit-Amulette bestehen aus einem gefalteten, durch einen Knoten oben zu einer Schlaufe gebundenen Tuch mit zwei an den Seiten heruntergeklappten Bändern und einem breiten Mittelteil. Die Djed-Pfeiler setzen sich aus einem auf einer Basis stehenden quergestreiften Schaft zusammen, der im oberen Drittel über zwei Halsringen mit ornamentalem Säulenknoten ein Kapitell mit vier horizontalen Platten trägt.

Die Darstellung der Motive auf der rechten Seite ist mehr oder weniger ein spiegelverkehrtes Pendant der linken Seite. Auf der Rückseite befindet sich im oberen Bildfeld ein Falke mit ausgebreiteten Flügeln und im unteren Bildfeld ein „teilvermenschlichter“ Djed-Pfeiler zwischen zwei Göttinnen. Zwei ockerfarbene kurze Kolumnen, die jeweils eine Inschrift tragen, geben neben weiteren Erkennungsmerkmalen ihre Identität preis: „Isis, die Große, Gottesmutter“ und „Nephthys, die Große, die ihren Bruder schützt“.

Auf allen vier Seiten des Bonner Kastens findet sich auch das typische Canidenmotiv, das als Schakal beziehungsweise Anubis gedeutet werden kann. Mit hoch aufgerichteten Ohren, ausgestreckten Vorderbeinen, zwischen die das Sechem-Zeichen gesteckt ist, herabhängender Rute sowie dem Wedel über seinem Rücken ist er liegend auf einem Schrein abgebildet. Durch seine Wachsamkeit tritt er hier in seiner Funktion als Schutzgott des Verstorbenen und seiner Eingeweide auf. Die Präsentation dieses Motives auf sämtlichen Seiten drückt dabei allseitig umfassenden Schutz aus.

Auch die Farbgebung war für den jenseitigen Bezug des Kastens und seine Schutzfunktion von besonderer Bedeutung . So verbanden sich im Alten Ägypten mit der Farbe Rot zwar durchaus auch negative Assoziationen, weil sie für den Gott Seth stand, der schlichtweg als das Böse galt, andererseits wurde sie mit dem ewigen Kreislauf der Sonne in Verbindung gebracht. Im Kampf gegen die Dunkelheit wird sie zur „Sieges- und Lebensfarbe“. Die Verbindung mit dem Sonnengott, der jeden Tag wiedergeboren wird, repräsentiert, so die Bonner Wissenschaftlerin, den ewigen Zyklus, den auch der Verstorbene für sich erhofft. Diese Schutzwirkung erfüllt sie auch beim Bonner Kasten, da sie die dominante Hintergrundfarbe der Einzelszenen ist.

Neben ihrer magischen Bedeutung können Farben aber auch, wie sich auch am Bonner Kasten belegen lässt, dazu benutzt werden, bestimmte, meist kostbare Materialien zu imitieren. So stehen gelbe oder ockertönerne Farben häufig stellvertretend für Gold. Gold hatte im Alten Ägypten deshalb so hohen Stellenwert, weil es als unvergänglich und unzerstörbar galt. Nicht zuletzt die Sonne als Quelle der Wiedergeburt und des Lebens wurde mit ihm verbunden. In gewissen Sinne kann der gesamte Kasten als „Goldschrein“ aufgefaßt werden: Sämtliche Figuren auf dem Bonner Eingeweidekasten sind mehr oder weniger im Goldton gestaltet. Das gilt auch für sämtliche Randbänder des Kastens, der durch diesen Farbton bestimmte abgegrenzte heilige Bereiche ausweist, die ewige Dauer und Unvergänglichkeit garantieren.

Im Gegensatz zu der Fülle an Informationen, die der Bonner Kanopenkasten selbst preisgibt, lässt sich seine Geschichte nur sehr lückenhaft rekonstruieren. Von der Bestattung des Verstorbenen ist derzeit ausschließlich dieser Kasten bekannt, sodass es keine Informationen über das Grab, aus dem er stammt, und dessen übrige Ausstattung gibt. Dass er tatsächlich als Teil des Grabinventars verwendet wurde, ist nach Siffert wahrscheinlich. Doch sein Verbleib in den nächsten 2000 Jahren bleibt im Dunkeln, ebenso wie die Fundumstände oder die Entdeckungszeit. Erst im 20. Jahrhundert finden sich wieder Spuren: So gehörte das Objekt zur berühmten Myers Collection (Myers Museum) am Eton College in London. 1926 wurden an ihm Restaurierungen im British Museum vorgenommen. 1994 gelangte es auf eine Aktion in London und wurde schließlich 1998 von dem Sammlerehepaar Ursula und Karl-Heinz Preuß erworben, das es dem Ägyptischen Museum der Universität Bonn 2010 zunächst als Dauerleihgabe zur Verfügung stellte und 2012 über die Bonner Universitätsstiftung dem Museum mit weiteren Objekten als Schenkung überließ.